Verrückt, aber nicht bescheuert

Von Lisa Kerlin
18.11.2022

Die Verabredung im Theater lautet: Schauspieler:innen auf der Bühne tun so, als wären sie eine andere Person, während das Publikum im Saal so tut, als wäre es nicht da – ist das normal oder superkomplettbescheuert? Zum Probenstart von BILDER DEINER GROßEN LIEBE sucht Dramaturgin Lisa Kerlin nach einer Antwort.

 

Ich habe vor einiger Zeit meinen Job gewechselt. Von der Referentin der künstlerischen Direktion in die Dramaturgie des Volkstheaters in den Bezirken. Meine 9-jährige Tochter sagte dazu erleichtert: „Mama, endlich machst du was Normales!“ Dieser Kommentar hat mich einigermaßen überrascht, belustigt und anschließend nachdenklich gemacht.

Denn wer um Himmels Willen betrachtet den Beruf der Dramaturgin als etwas Normales, beinahe Handfestes? Wohl niemand –  außer meiner Tochter, die durch ihren Vater und jetzt mich tatsächlich keinen Berufsalltag so gut kennt wie den der Dramaturgie. Referentin? Keine Ahnung! Dramaturgin? Glasklare Sache! Was für andere Backstage ist, ist für sie Alltag und die im Theater berüchtigten Dramaturgiesitzungen sind so selbstverständlich wie für andere Konferenzen an einer Schule.

Theater ist nämlich nicht nur große künstlerische Freiheit und kreatives Chaos, sondern auch eine Institution, die Regeln und Abläufe braucht, um zu funktionieren. Nur eben mit Dienstplänen auf denen Dinge stehen wie: 10:00 Uhr Training mit Loopstation, 11:00 Uhr Albtraum bis Seite 45, 13:00 Uhr Dreh mit Kostüm und Maske. Normal ist vielleicht doch etwas Anderes?

 

Der Duden definiert „normal“ folgendermaßen:
so [beschaffen, geartet], wie es sich die allgemeine Meinung als das Übliche, Richtige vorstellt

Wenn diese allgemeine Meinung allerdings sehr fragmentiert ist und jede Bubble eine eigene Öffentlichkeit mit Codes und Regeln innehat — gibt es dann überhaupt noch eine allgemeine Normalität? Einen Nullpunkt, von dem aus messbar ist, was noch normal und was schon verrückt ist? Gab es den jemals? Und ist das überhaupt etwas Erstrebenswertes? Selbst in unserer kleinen Familienbubble gibt es doch schon unterschiedliche Sichtweisen darauf, was normal ist und was nicht. Für meine 5-jährige Tochter ist mein Beruf nämlich etwas ganz Besonderes – wenn auch aus einem recht überraschenden Grund: „Mama, ich will auch Dramaturgin werden. Den ganzen Tag einfach nur lesen, lesen, lesen und sonst nichts tun!“

Je länger ich nachdenke, desto mehr komme ich zu dem Schluss, dass ich froh bin, an einem Ort mit klaren, geordneten Spielregeln zu arbeiten, der aber gleichzeitig immer wieder Ausnahmezustände zulässt und zulassen muss. Denn keine Theaterarbeit ist von Anfang bis Ende planbar und letztlich sind wir immer stolz darauf, wenn uns ein besonders außergewöhnliches noch nie da gewesenes Kunstwerk gelungen ist, das alles andere als normal ist.

In unserer neuen Produktion BILDER DEINER GROßEN LIEBE geht es um Isa, die in einer sogenannten Anstalt für Verrückte lebt, also für Menschen, die stark von der vorherrschenden Norm abweichen. Von sich selbst sagt sie, dass sie zwar verrückt ist, aber deshalb noch lange nicht bescheuert. Und vielleicht verhält es sich im Theater letztlich ähnlich. Nicht ganz normal, auch nicht superkomplett bescheuert, aber verrückt genug um sich dem Abenteuer, das jedes neue Kunstwerk bedeutet, auszusetzen.

Zur Person

Lisa Kerlin, geboren in Borken im Westmünsterland. Studium der Theaterwissenschaft und Komparatistik an der Ruhr-Universität Bochum. 2009 Mitbegründung des freien Theaterkollektivs Anna Kpok. Ab 2014 Regieassistenzen in der freien Szene in Berlin und im Ruhrgebiet. 2020-2022 Referentin der künstlerischen Direktion am Volkstheater Wien. Seit der Spielzeit 2022/23 Dramaturgin am Volkstheater in den Bezirken. Lebt mit ihrem Mann Alexander und ihren drei gemeinsamen Töchtern in Wien.