Copyright Birgit Allesch

„Ich möchte die Menschen über ihre Kostüme erzählen!“

Von Birgit Allesch
18.11.2022

Friederike Wörner hat eigentlich Mode studiert, entwirft heute aber Kostüme für Theater und Film.  Ihr Kostümkonzept für BILDER DEINER GROßEN LIEBE beruht darauf, dass sich die Figuren auch über die Kleidung individuell ausdrücken können. Um die Charakterentwicklung zu unterstreichen, setzt sie auf Funktionalität und die Fähigkeit des Kostüms, sich mit der Figur mitzuentwickeln. Für  die neuste Bezirkeproduktion hat sie dafür sogar einen eigenen Stoffprint entworfen.

Ist der Kostümentwurf erstmal fertig, dann wird er in der Regel erst mit der Regie und dann innerhalb der Kostümabteilung besprochen, bevor er schließlich in der Schneiderei zur Realität wird und die Schauspieler:innen den Kostümen auf der Bühne Leben verleihen. Doch wie kommt es überhaupt zu einem ersten Entwurf?
Liebe Friederike, wie findest du den richtigen Schnitt in der richtigen Farbe?  

Meistens beginne ich mit dem Lesen des Textes. Anschließend treffe ich mich mit der Regie um darüber zu sprechen, was mit dem Stück ausgesagt werden soll und um erste Ideen auszutauschen. Beim Entwerfen selbst ist es außerdem ganz wichtig zu wissen, ob es spezielle Anforderungen gibt. Das kann alles Mögliche sein: Farbe, Kunstblut, Wasser, Projektionen, Reflektionen, Verwandlungen usw. Auch ist es wichtig zu wissen, in welcher Zeit das Stück spielen wird. Von Vergangenheit bis Zukunft gibt es sehr viel Spielraum.
Für die konkreten Entwürfe arbeite ich dann gerne nochmal mit dem Text. Wer sind die Figuren? Werden sie schon en detail beschrieben? Welche Assoziationen habe ich beim Lesen zusammen mit all den Informationen, die ich schon habe? Und dann beginne ich ein Moodboard anzulegen, auf dem ich sammle, was mich zu diesem Projekt interessiert, und fertige erste Zeichnungen an.

Was ist ein Moodboard?

Ein Moodboard ist eine digitale oder analoge Pinnwand, auf der man sammelt, was einem zu einem bestimmten Thema oder Projekt interessiert und inspiriert. Insbesondere bei künstlerischen Konzeptionsgesprächen kann so ein Moodboard sicherstellen, dass alle Personen am Tisch auch von derselben Sache sprechen, da jede:r Einzelne meist andere Assoziationen zu ästhetischen und/oder sphärischen Dingen hat.

Bereits für ENCORE, MUSKETIERE und HELDENPLÄTZE hast du die Kostüme für Calle Fuhrs Inszenierungen entworfen. Nun arbeitet ihr für BILDER DEINER GROßEN LIEBE erneut zusammen. Wie gehst du als Kostümbildnerin auf Calles minimalistisches Theater ein, das ohne große Gesten, mit fast keinen Requisiten und schlichtem Licht auskommt? 

Das Schöne an den Stücken mit Calle für mich als Kostümbildnerin ist, dass ich mit meiner Arbeit Charaktere sehr fein erzählen kann, da es oft um innere Prozesse geht, die nach außen getragen werden und sich so auch oft eine Art Kostümdramaturgie entwickelt. Wir finden meist, bevor die finale Fassung steht, zusammen raus, wer die Figuren sind, was sie ausmacht und wie sie uns im echten Leben begegnen könnten. In HELDENPLÄTZE zum Beispiel öffnet sich die Heldin Resi beim Erzählen ihrer sehr persönlichen Geschichte immer mehr gegenüber dem Publikum. Hier lag die Herausforderung darin, für das Kostüm eine Übersetzung dieses „sich öffnen“ zu finden.
Bei BILDER DEINER GROßEN LIEBE gab es zunächst die Frage: Wie sehen zwei Personen aus, die eigentlich dieselbe Person und dabei doch komplett unterschiedlich sind; also anders gleich sind? Calle hat sich nämlich dafür entschieden, aus einer Figur zwei zu machen: aus einer einzigen Isa werden Isa I und Isa II. Sie verändern sich während des Stücks, man lernt immer mehr Facetten der beiden kennen und man merkt immer mehr, dass die beiden eine Person sind, je näher sie sich kommen. Diese vielen Facetten der beiden Isas sind in dem Fall die vielen Kostümschichten, die beide anhaben, die zunächst sehr unterschiedlich sind, aber im Verlauf des Stückes immer ähnlicher werden bis hin zur Äquivalenz.

Ein exklusiver Stoffprint

Für die Kostüme für BILDER DEINER GROßEN LIEBE hat Friederike einen eigenen Stoffprint entworfen. Beim Lesen des Romanfragments, das dem Theaterstück zugrunde liegt, ist ihr aufgefallen, dass Wolfgang Herrndorf immer wieder auf unterschiedliche Naturbilder zurückgreift: Sternenhimmel, schillernde Gewässer, Wald, Wiesen und Felder. Deswegen hat Friederike das Bild einer Blume als Ausgangspunkt für ihren Print festgelegt und dieses verzerrt und verfremdet. Die daraus entstandenen Stoffe wurden so in die Kostüme eingearbeitet, dass sie im Laufe des Abends erst nach und nach sichtbar werden. Angepasst an Isas Figurenentwicklung – die Kostüme entwickeln sich mit.

„Calles Stücke funktionieren über ganz kleine Facetten. Deswegen muss das Kostüm nicht nur stylisch-schön, sondern funktional sein und sich mit seinen Träger:innen mit entwickeln können. Anders würde man einem so fein geschriebenen Text wie jenem von Calle einfach nicht gerecht werden.“

Auf unserer Bezirke-Tour gleicht keine Spielstätte der anderen. Das stellt sämtliche Gewerke vor besondere Herausforderungen, weil Bühnenbild, Licht- und Sounddesign trotzdem überall perfekt funktionieren müssen. Für das Kostümbild gilt das auch. Wie gehst du auf diese Anforderungen ein?

Die Bühnen der Bezirke haben ihre ganz eigenen Spielregeln. Man ist nie in einem klassischen Theatersaal und hat weniger Mittel, um Theatermagie zu erschaffen, was aber auf keinen Fall heißt, dass diese Magie hier nicht entstehen kann. Ich persönlich habe das Gefühl, dass es auf diesen Bühnen besser ist, nicht zu viel zu wollen und die wenigen Mittel, die man hat, bewusst und klug einzusetzen. Ich kann mir beispielsweise große, opulente Kostüme bei der Tour nur schwer vorstellen – vor allem nicht für die Stücke, an denen ich zusammen mit Calle arbeite. Natürlich habe ich als Kostümbildner:in manchmal Lust, plakative Kostüme für die große Bühne zu entwerfen. Aber in den Bezirken funktioniert das nicht, da die Bühnen kleiner, die Räume intimer sind und auch der Transport von Spielstätte zu Spielstätte zu aufwendig wäre. Dafür kann ich hier aber eher ins Detail gehen, Details die man im großen Haus schon aus der zweiten Reihe wahrscheinlich nicht mehr erkennen würde.

Friederike Wörner

Friederike Wörner wurde 1989 geboren und lebt und arbeitet in Wien. Von 2010-2014 studierte sie an der HFG Pforzheim Modedesign. Bereits vor dem Studium sammelte sie erste Theatererfahrungen am Schauspiel Stuttgart unter der Leitung von Hasko Weber und bei den Bad Hersfelder Festspielen unter der Leitung von Holk Freytag. Nach dem Studium hat sie ihren Schwerpunkt wieder im Kostümbild gefunden. Neben Festengagements als Assistentin am Schauspiel Stuttgart und dem Theater Dortmund hat sie an beiden Häusern auch als Kostümbildnerin unter anderem mit den Regisseuren Dominic Friedel und Pèter Sanyó gearbeitet. Beim Theatertreffen 2021 wurde die Arbeit „Das House – ReInventing the Real“ von minus.eins, bei der sie für die Kostüme verantwortlich war, gezeigt.

Birgit Allesch

Birgit Allesch ist seit 2021 Regieassistentin für das Volkstheater in den Bezirken. 2011 ist sie von Kärnten nach Wien gezogen, um Rechtswissenschaften zu „probieren“, Theater-, Film- und Medienwissenschaften zu studieren und schließlich den Master in Zeitgeschichte und Medien zu erlangen. Nachdem sie im Wiener Funkhaus erst für die Radio Ö1-Sendereihe im Gespräch recherchiert und dann ihre erste Mini-Reihe „Frauenmacht – Frauen machen Politik“ produziert hatte, ist sie zu dem zurückgekehrt, was sie von Kindheit an fasziniert hat: Das Theater.