"Es ist alles da."

von Calle Fuhr
31.05.2022

Als wir im Herbst 2021 mit dem neuen Volkstheater-Team starteten, war Gerti Drassl mit dem Solo-Abend HELDENPLÄTZE bei unserer ersten Bezirke-Tournee dabei. In der Factory des Volkstheaters treffe ich Gerti zum Gespräch. Wir haben gerade eine Textprobe für unsere Wiederaufnahme von HELDENPLÄTZE hinter uns, bevor unser Interview beginnt.

 

Calle: Gerti, was sind die Bezirke für dich?

Gerti: (in geschickter Interview-Stimme) Die Bezirke sind für mich erstmal eine ganz neue, schöne, große Entdeckung in meinem Leben. (lacht mit  unfassbar herzlicher Selbstironie) Aber nein, jetzt ernsthaft. Ich hab‘s gerade gestern erst wieder jemandem erzählt, wie wichtig für mich die Erfahrung war, zu sehen, dass es diese Orte in Wien gibt: Die Volkshochschulen mit ihren Sälen. Dass es der Stadt wichtig war, Kultur in allen Bezirken stattfinden zu lassen. Und zwar nicht nur einmal, zweimal, sondern nachhaltig in jedem Bezirk verankert. Die Atmo- sphäre an diesen einzelnen Orten ist dadurch einzigartig. Weil Austausch hier möglich ist. Weil es da diesen Ort gibt, wo jeder hin kann und sich ausdrücken und erzählen und machen und zuhören kann. Und dass wir als Theater dann da hinfahren, das ist besonders.
Während wir im Theater sonst gewohnt sind, Gäste in unseren Räumlichkeiten zu empfangen, ist es in den Bezirken andersrum. Wir fahren zu Ihnen. Wir sind jedes Mal zu Gast
Ich hab das schon so empfunden, dass es ein besonderes Selbstbewusstsein beim Publikum gibt: ‘Zu wissen, das ist mein Bezirk, ich wohne und lebe hier.’ Dabei hatte ich immer das Gefühl willkommen zu sein, aber die Stimmung war schon auch ‚Jetzt schau’n wir mal, wer da so kommt‘ – Das hat mir gefallen!

"Während wir im Theater sonst gewohnt sind, Gäste in unseren Räumlichkeiten zu empfangen, ist es in den Bezirken andersrum. Wir fahren zu ihnen, wir sind jedes mal zu Gast."

Calle: HELDENPLÄTZE war für uns alle ein Neustart, die Inszenierung ein Schritt in Richtung einer neuen künstlerischen Form für die Bezirke. Und du hast Abend für Abend ganz allein auf der Bühne gestanden. Was ist da in dir vorgegangen?

Gerti: Na klar habe ich gespürt, dass es jeden Abend auch um künstlerische Veränderung geht – einerseits von uns ausgehend, weil man ja nicht weiß, ob das jetzt angenommen wird oder nicht. Aber ich hab‘s natürlich auch von der Publikumsseite gespürt. Ich finde das auch total legitim. Es gibt etwas, was man gewohnt ist zu sehen. Und das geht mir ja auch im Leben so, wenn sich das dann plötzlich verändert, muss ich mich verhalten. Das schafft Aufregung. Ich hatte dabei aber nicht das Gefühl, dass es dadurch eine Ablehnung gab oder so.
Überhaupt nicht!
Und ganz ehrlich: Mir kam es nicht so vor, dass ich da etwas stemmen muss. Denn … ich sag’s mal so, als Schauspielerin schaust du auf deinen Kalender und weißt – Okay, heute Großfeldsiedlung in Floridsdorf. Na gut, schau’n wir mal. Du fährst am Nachmittag raus und bist da schon eine ganze Weile unterwegs. Aber wenn du den Saal vor der Vorstellung betrittst, siehst du – es sind alle da: Birgit, Sophia, die Burschen von der Technik, Bella von der Maske, unser Bühnenbild. Es ist alles da. Und dann tunen wir uns gemeinsam ein auf diesen neuen Ort.

Calle: Hat sich durch die Begegnung mit all diesen neuen Orten auf unserer Tour dein Verhältnis zu Wien verändert?

Gerti: Ich lebe seit 20 Jahren hier und dachte eigentlich, ich kenne diese Stadt. Doch seit HELDENPLÄTZE fahre ich anders durch Wien. Weil ich all diese Orte besucht und da jetzt einfach Leute kennengelernt hab. Bevor wir überhaupt gestartet sind, hab ich dieses Raster von Wien auswendig gekannt, mit allen Bezirken und ihren Namen – und jetzt ist dieses Raster sowas Innerliches geworden.
Ich hab Bezüge, ganz viele Bezüge hergestellt. Und deswegen sind die Bezirke für mich wirklich: Eine große Entdeckung.

Gerti Drassl spielt HELDENPLÄTZE für Sie auch in der Saison 22/23 in der Dunkelkammer.

Zur Person

Gerti Drassl wurde 1978 in Eppan (Südtirol) geboren. Zunächst studierte sie Kunstgeschichte, dann Schauspiel am Max-Reinhardt-Seminar. Von 2002 bis 2017 spielte sie am Theater in der Josefstadt. Darüber hinaus tritt sie auch regel- mäßig an anderen deutschsprachigen Bühnen sowie in Film- und Fernseh- produktionen (u. a. DER KNOCHEN- MANN, VORSTADTWEIBER, MA FOLIE, DER TRAFIKANT) auf. Gerti Drassl wurde für ihre Leistungen zahlreich ausgezeichnet: u.a. Nestroy-Theaterpreis, Deutscher Schauspielerpreis, Österreichischer Filmpreis, ORF-Hörspielpreis und Romy Award. 2018 wurde ihr der Wiener Schauspielerring verliehen.